Die Gestalttheorie

Die Gestalttheorie ist eine Schulrichtung der Psychologie, die von den Psychologen Max Wertheimer, Wolfgang Köhler, Kurt Koffka und Kurt Lewin konzipiert wurde. Unter dem Begriff Gestalt versteht man ein Gebilde, eine Konfiguration oder eine Ereignisfolge, die zwar aus verschiedenen Elementen, Gliedern und einzelnen Ereignissen zusammengesetzt ist, aber als einheitliches Ganzes wahrgenommen wird.

Die Lehre der Gestalttheorie

Die Gestaltpsychologie betrachtet die Ganzheiten und Ordnungen im Erleben und Verhalten des Menschen. Im Gegensatz zur Elementenpsychologie sagt die Gestaltpsychologie, dass die Wahrnehmung durch die Erfassung sinnvoller Ganzheiten zustande kommt und nicht, wie bisher angenommen, durch Assoziationen. Zwischen den psychischen Wahrnehmungen und den verantwortlichen Gehirnvorgängen besteht nach der Gestalttheorie Gleichheit, die als Isomorphie bezeichnet wird, das heißt, die elektrophysikalischen Gehirnvorgänge haben auch Gestaltcharakter. Aristoteles sagte:"Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile." Diese These nahmen die Gestalttheoretiker auf. Das Ganze bestimmt den Charakter und das Verhalten der Teile und nicht umgekehrt. Die amerikanischen Psychologie-Professoren Floyd L. Ruch und Philip G. Zimbardo erklären in diesem Zusammenhang in ihrem "Lehrbuch der Psychologie" dieses Phänomen anschaulich an einem Beispiel. Eine Melodie bleibt eine Melodie, unabhängig davon, in welcher Tonart sie gespielt wird. Die Qualität der Melodie, z.B. ob sie melancholisch oder fröhlich ist, kann an den einzelnen Noten nicht erkannt werden.
Das Ganze kann man also nicht aus der Summe der Teile erklären. Folglich muss es noch eine Eigenschaft haben, die mit der Eigenschaft der einzelnen Teile nichts zu tun hat. Die Gestaltpsychologie spricht hier von Gestaltqualität, die der Mensch im Prozess der Wahrnehmung als erstes erfasst.

Die Unterteilung der Gestaltqualitäten

Die Gestaltqualitäten werden in drei Gruppen zusammengefasst: Zu den Struktur- und Gefühlseigenschaften gehören Eigenschaften des Grundcharakters, wie rund oder eckig. Zu den Materialqualitäten zählen die Materialeigenschaften, wie hart oder weich. Zu den Wesens- und Ausdrucksqualitäten gehören Eigenschaften, die mit Gefühlen verknüpft sind, wie sanft und friedlich. Die Gestalttheoretiker verknüpfen die Gefügeeigenschaften mit den Wesenseigenschaften. Formen verbinden sich mit Gefühlen. Im Wahrnehmungsprozess registriert der Mensch die Wesenseigenschaften am stärksten. Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass, wenn Ereignisse (Gestalten) aus der Umwelt Punkt für Punkt auf das Gehirn projiziert werden, man feststellen kann, wie das Gehirn arbeitet, wenn die Wahrnehmungsprozesse genau untersucht werden.

Die Renaissance der Gestalttheorie

Die Gestalttheorie erlebt eine Renaissance in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen. Sie wird nicht nur in der Wahrnehmungsforschung immer wichtiger, sondern auch in der Hirnforschung, Musik, Sprachwissenschaft, Medizin, Psychopathologie, Wirtschaftswissenschaft sowie der Interfacegestaltung, die sich das Wissen zunutze macht, um Icons sowie das Gesamtbild durch die Verknüpfung visueller Elemente eindrucksvoller gestalten zu können.